Cosi fan tutte stand am 1. März abends und Les Troyens am 2. März nachmittags am Programm des Grazer Opernhauses. Mozarts Dramma giocoso ergötzte das Publikum, das viel zu lachen hatte. Hector Berlioz‘ Grand Opéra wühlte auf – mit unüberbietbarer Intensität wurde gesungen, gespielt und im Orchestergraben musiziert.
Das Einstimmen auf das Opern-Wochenende in der bei der Hinreise besuchten jahrhundertealten Benediktinerabtei Seckau war nur auf den ersten Blick ein Kontrast-Programm. Wie die gotische Kreuzigungsgruppe, nach Clemens Holzmeisters Entwurf, vor dem Hochalter der romanischen Basilika schwebt, entbehrt nicht einer gewissen Theatralik. Dasselbe gilt für das monumentale frühbarocke Mausoleum des Erzherzog Karl II. Und erst recht für die Gestaltung der Engelkapelle mit Fresken aus der Apokalypse durch den zeitgenössischen Künstler Herbert Boeckl. Auch die bühnenwirksame mittelalterliche Sammlung der Vagantenlieder „Carmina Burana“ hat laut neuer Forschung ihre endgültige Fassung in der Abtei Seckau erhalten.
Neben der gemütlichen Reise im Bus nach Graz und zurück nach Linz und der Unterbringung in einem guten Hotel gleich in der Nähe der Oper, werden besonders die beiden Opernbesuche in Erinnerung bleiben, auf die unsere Reiseleiterin Christiane Reuss die Musiktheaterfreunde schon bei der Hinfahrt nach Graz fachkundig eingestimmt hat.
„Cosi fan tutte, ossia La scuola degli amanti“ – beide Titel sind beredt! „So machen es alle (Frauen)“ oder auch „Die Schule der Liebenden“ geben den Inhalt wieder. Keine Schauplatz-Angabe, keine Zeit-Angabe! Da kann man nichts dagegen einwenden, dass die Regisseurin Barbara-David Brüesch das zeitlose Geschehen um Liebe und Treuebruch von zwei Pärchen im Heute angesiedelt hat. Das im Programmheft so genannte Duo infernale Don Alfonso und das Hausmädchen Despina sind Drahtzieher einer Treueprobe, die Treue der Frauen zu ihren geliebten Partnern soll erschüttert werden. Dass die Regisseurin die hanebüchene Handlung von Freunden, die sich verkleidet an die Freundin des jeweils anderen heranmachen, ohne erkannt zu werden, erst gar nicht ernst nimmt, ist ein Regie-Gag, dem das Publikum lustvoll folgen kann. Schließlich spielen alle Beteiligten auf der Bühne, auch die beiden Pärchen, bei der Maskerade mit, bei der allerdings die Masken fallen und das komödiantische Spiel, das das Publikum zum Lachen bringt, kippt. Es bleibt nicht beim G’spaß, der betrogene Ferrando (Ted Black) ist eifersüchtig und Fiordiligi hat tief empfundenen Liebeskummer. Zitat des Dramaturgen Christian Hagemann: „Aus unserem heutigen Blickwinkel erkennt man in der Oper eine psychologische Studie, die sich in die Tiefen und Untiefen der menschlichen Seele vorwagt und sie in all ihren Farben ausleuchtet. Aufgrund der plastischen Zeichnungen der Charaktere durch die Musik vermag man die Protagonisten zu verstehen.“ Der Dirigent Dinis Sousa nennt Mozart einen Magier, er besitze die Fähigkeit, die Musik scheinbar leicht fließen zu lassen und dann, ohne jegliche Vorwarnung, die Herzen zu ergreifen. Letzterem wird das junge Team der Sänger und Sängerinnen auf der Bühne souverän gerecht! Und wie löst die Regisseurin den guten Ausgang der Oper? Weder finden die alten Paare zusammen, noch kommt es zu neuen Paarbildungen. Zwei Wohnungen werden zu einer verschmolzen (raffiniert das Bühnenbild von Alan Rappaport), Betten werden zusammengerückt, Fiordiligi, Dorabella, Gulielmo und Ferrando hüpfen gemeinsam ins Doppelbettchen …
Dem Programmheft der Grazer Gesamtaufführung von Hector Berlioz‘ Grand Opéra in fünf Akten Les Troyens (zwei Teile) ist ein Zitat von Karl Kraus aus seinem Werk „Die letzten Tage der Menschheit“ vorangestellt. Die Schlusssätze lauten: „Man wird vergessen haben, dass man den Krieg verloren, vergessen haben, dass man ihn begonnen, vergessen haben, dass man ihn geführt hat. Darum wird er nicht aufhören.“ Freilich, das Zitat beleuchtet nur einen der programmatischen Gedanken des Komponisten seiner in den Jahren 1856-1858 selbstverfassten „Dichtung“ (Libretto) nach Vergils Hauptwerk Aeneis und seiner Vertonung des gigantischen Stoffes. Die Umsetzung auf der Bühne des mehrere Stunden dauernden Werks über die Trojaner beschreibt ein Rezensent als „Besteigung eines Achttausenders“. Dem zuhörenden/zusehenden Publikum wird da aber auch einiges abverlangt!
Nicht verwunderlich, dass die erste vollständige Gesamtaufführung der Oper an einem Tag erst spät, nämlich am 3. Mai 1969 in Glasgow stattgefunden hat. Die Uraufführung des zweiten Teils (Akt 3-5) war schon am 4. November 1863 in Paris. Eine auf zwei Tage verteilte Aufführung fand in Karlsruhe im Dezember 1890 statt. Da und dort blieb es im Lauf der Jahrzehnte bei nur wenigen Aufführungen in teils gekürzter Gesamtlänge an einem Tag, umso verdienstvoller ist es, dass Graz sich des Werks annahm, das gekürzt an die vier Stunden dauert. In Wien kamen Die Trojaner erstmals 1979 mit nur neun Aufführungen auf die Bühne der Staatsoper, dann wieder im Oktober 2018 mit Joyce DiDonato als Dido. Eine umstrittene Aufführung erlebte die Bayerische Staatsoper im Mai 2022, und die Salzburger Festspiele brachten 2023 die Oper zwar konzertant aber auf der Bühne intensiv gespielt zur Aufführung.
Grundzüge des vordergründigen Handlungsfadens: die die kleinasiatische Stadt Troja belagernden Griechen scheinen abgezogen, die Trojaner gerettet zu sein, als das hölzerne Pferd – nein, kein Geschenk der Griechen, eine List! – die darin versteckten griechischen Krieger in Troja ausspeit; nur wenige Trojaner können die brennende Stadt lebend verlassen, darunter der Held Aeneas. Vergil bedient sich hier des Epos Ilias von Homer. Den Untergang hat die Seherin Kassandra vorausgesagt; sie geht, eine ergreifende Szene, mit Trojas Frauen in den Tod. Mareike Jankowskis Gesang und Darstellungskunst als Kassandra waren herausragend. Ebenso stimmlich und darstellerisch überzeugt hat Iurie Ciobanu (lange Jahre Ensemblemitglied des Linzer Musiktheaters) als Aeneas, der nach Ankunft in Karthago beim innigen Liebesduett mit Karthagos Herrscherin Dido berührt – wohl wissend, dass seine Liebe Dido töten wird. Den Auftrag der Götter, dereinst Rom und hiermit ein großes Reich auf italienischem Boden zu gründen, muss er erfüllen. Einen so ans Herz gehenden Abschiedsschmerz, wie Anna Brull, als Aeneas sie verlässt, schluchzend, schreiend, zornentbrannt, resignierend in Gesang verwandelt, habe ich, die Verfasserin dieses Aufsatzes, noch nicht auf der Bühne erlebt. Als sie sich das Leben nimmt, prophezeit sie den Fall Roms durch Hannibal, der freilich den Aufstieg des Römischen Reichs nicht verhindern wird.
Abgedruckt im Programmheft ist auch ein Gespräch zu „unanswered questions“ zwischen der Regisseurin Tatjana Gürbaca und der Chefdramaturgin, Stellvertreterin des Intendanten in künstlerischen Fragen Katharina John (mehrere Jahre Dramaturgin in Linz). „Seine [Berlioz‘] Musik hat etwas Gewaltiges: Alles ist groß, alles pathetisch und atmet Klassizismus“, so Gürbaca. Sie betrachte es als ihre Hauptaufgabe, der Musik des Komponisten das Steife, Unbelebte zu nehmen, die Schwere seines Pathos. Der Blick von außen erkenne den Mythos und die Geschichte, gleichzeitig seien aber auch Vorgänge im Inneren einzelner ausgewählter Figuren emotional transparent zu machen, „wir verfolgen die Geschichte zweier Völker an zwei Orten und auf der anderen Seite die Schicksale einzelner Individuen. Die Erzählperspektive wechselt zwischen kollektiven und individuellen Protagonisten“. Katharina John stellt Gürbaca auch die Frage, wie Berlioz mit dem Mythos umgeht, wo er Veränderungen vornimmt. Die Regisseurin weist in ihrer Antwort darauf hin, dass Berlioz die Erzählung nach seinen Vorstellungen forme, dass er entscheide, welche Figuren aus dem Mythos er übernehme, welche er dazuerfinde. Und Aeneas sei derjenige, der die beiden Teile, die Einnahme von Troja und die Trojaner in Karthago miteinander verbinde. Vom Mythos in die Historie gehe über, wenn die erzürnte Dido einen karthagischen Rachefeldzug auf das Rom des Aeneas beschwört. „Einst werde Hannibal gegen Rom ziehen und sie rächen. Sie kündigt also bereits den nächsten Krieg an. Das Stück endet dann nicht etwa mit einem Trauerchor der Karthager über ihren Tod, sondern knüpft mit einem Kriegsgesang die Verbindung zur Zukunft. Das ist schon eine sehr bittere Sicht auf die Menschheit.“
Dem Orchester unter der musikalischen Leitung von Vassilis Christopoulos sowie auch den Chören kommt das Verdienst zu, die alles überflutenden Klangmassen des monumentalen Werkentwurfs des Komponisten gebändigt zu haben – entsprechend jubelte das Publikum, als der Vorhang fiel.

Heide Stockinger
Fotos: PR, Andrew Bossi_wikimedia

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